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24. April 2019

Beckenbodensenkung und Blasenschwäche – Konservative und operative Behandlungs-möglichkeiten.

Interview mit Dr. med. Henrik Lutz, Facharzt für Gynäkologie und Geburtshilfe

Dr. med. Henrik Lutz ist als Leitender Arzt in der Frauenklinik des Spitals Zollikerberg tätig. Er referierte zum Thema «Beckenbodensenkung und Blasenschwäche – Konservative und operative Behandlungsmöglichkeiten» am Mittwoch, 24.04.2019, gemeinsam mit Dr. med. Eduard Vlajkovic, Chefarzt Frauenklinik Spital Zollikerberg, sowie den Dipl. Physiotherapeutinnen Sophia Germann und Gabriele Wirth vom Therapie-Zentrum Spital Zollikerberg. Das Interview wurde einen Tag nach der Veranstaltung geführt.

 

Herr Lutz, was passiert genau bei einer Beckenbodensenkung? Wodurch wird diese verursacht?
Eine Beckenbodensenkung ist letztendlich ein Defekt des Bindegewebes, wodurch die betroffenen Organe des Beckens nach unten absinken, das heisst ihre Lage verändern und teilweise ihre Funktion nicht mehr richtig ausüben können. Verursacht wird dies durch eine Überbeanspruchung der Dehnfähigkeit des Gewebes, hier ist natürlich zu allererst eine normale Geburt zu nennen, wobei zusätzlich die Art der Entbindung und das Gewicht des Kindes eine grosse Rolle spielen. Es kann aber grundsätzlich jede Dauerbelastung zu Schäden führen, z. B. schwere körperliche Arbeit, eine chronische Krankheit mit häufigem hohen Druckanstieg im Bauch wie bei chronischem Husten oder auch ein zu hohes Körpergewicht. Auch eine vorangegangene komplette Gebärmutterentfernung kann zu einer Senkung führen.

 

Sind nur Frauen von der Beckenbodensenkung betroffen?
Frauen sind deutlich häufiger betroffen als Männer, jedoch steht bei Männern das Symptom der Dranginkontinenz im Vordergrund, welche hier andere Ursachen hat. Bei Frauen muss man von einer tabuisierten Volkskrankheit sprechen. Je mehr wir darüber reden, umso mehr Patientinnen äussern Beschwerden und die Prozentzahlen der betroffenen nehmen immer weiter zu, wohl weil man sich heute eher traut, darüber zu reden.

 

Ist eine Beckenbodensenkung immer mit Beschwerden verbunden?
Nein, die Spannbreite ist hier sehr gross. Kleine kaum zu sehende Defekte können grosse Beschwerden wie eine Dranginkontinenz auslösen, manchmal fühlen Frauen sich auch durch eine stärkere Senkung nicht sonderlich oder gar nicht beeinträchtigt.Grundsätzlich möchte ich betonen, dass wir keine Senkung um ihrer selbst willen behandeln, sondern nur, wenn sie Beschwerden macht.

 

Was versteht man unter dem Level 1 Defekt und wieso kann dieser bei einer Kontrolle schnell übersehen werden?
Das Verständnis bezüglich der Senkungen hat sich in den letzten Jahren enorm weiterentwickelt. Wir verstehen heute die Veränderungen der Funktion z. B. der Blase bei einer Lageveränderung besser. Eine der neuesten Erkenntnisse ist, dass eine Dranginkontinenz durch ein beginnendes Absinken der Gebärmutter bei stabiler Blasenlage ausgelöst werden kann. Eben dies bezeichnet man als isolierten Level 1 Defekt. Die Schwierigkeit besteht darin, bei einer liegenden Untersuchung etwas zu sehen, dass eigentlich nur im Stehen auftritt. Jedoch können wir heutzutage durch den Ultraschall eine solche Lageveränderung sichtbar machen, dies hat vieles im Verständnis der Dynamik der Senkungen verändert. Bis vor kurzer Zeit galt die Feststellung, dass eine Dranginkontinenz der Frau nicht operiert werden kann, genauso wie beim Mann. Bei Männern stecken jedoch andere Ursachen hinter dem Problem. Heute jedoch stellen wir fest, dass wir sehr wohl vielen Frauen durch eine Operation helfen können und lange Leidenswege beenden können.

 

Ab welchem Zeitpunkt ist eine Behandlung angesagt?
Den Zeitpunkt bestimmt alleine die Patientin. Bei einer normalen Untersuchung registriere ich einen eventuellen Befund und frage die Patientin gezielt nach Beschwerden, da nicht jede den Mut hat, diese direkt anzugeben. Wenn diese verneint werden, besteht auch kein Handlungsbedarf. Generell gilt die Faustregel, dass alle Senkungen, die den Aktionsraum der Frauen einschränken behandelt werden sollten. Ob operativ oder durch andere Massnahmen wie Beckenbodentraining oder sonstige Behandlungen ist immer eine individuelle Entscheidung.

 

Welche Behandlungsmöglichkeiten bestehen? Ist eine Operation immer notwendig oder gibt es Alternativen?
Wie schon gesagt, gibt es verschiedene Möglichkeiten der Behandlung, diese sind abhängig von der Ausprägung und Art der Senkung und den Bedürfnissen der Frauen. Zu den Möglichkeiten zählen insbesondere die Physiotherapie durch spezialisierte Therapeuten wie in unserem Beckenboden-Team des Therapie-Zentrums und manchmal auch eine medikamentöse Behandlung. Insgesamt gilt: So viel wie nötig und so wenig wie möglich, um das Problem zu beheben.

 

Gibt es die Möglichkeit, mit präventiven Massnahmen das Risiko einer Beckenbodensenkung zu verringern?
Insgesamt der wichtigste Baustein ist sicherlich, nach einer Geburt eine gute Rückbildungsgymnastik mit speziellem Fokus auf den Beckenboden unter gezielter Anleitung von spezialisierten Physiotherapeuten, wie es unser Beckenboden-Team hier im Spital Zollikerberg darstellt, durchzuführen. In den weiteren Lebens-abschnitten gehören ein durchschnittliches Training sowie ein normales Körpergewicht zu den Faktoren, die einen eventuellen Schaden des Beckenbodens nicht weiter verschlimmern. Letztendlich bestimmen jedoch der ursächliche Schaden sowie die Lebenssituation der Frauen die Behandlungs-bedürftigkeit, weshalb sich niemand Vorwürfe zu machen braucht, etwas versäumt zu haben.

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